Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt…

Die Ausgangslage: In unserem Studentenwohnheim – ca. 90 Bewohnerinnen und Bewohner – gibt es keine Trennung von Biomüll und dememtsprechend keine Biotonne.
Seit Anfang 2015 ist die getrennte Sammlung von Bio- und Restmüll von der Bundesebene vorgeschrieben [1], aber Hamburg hat auf Selbstverpflichtung der Wohnwirtschaft gesetzt. Erst im November 2015 hat die Stadtreinigung begonnen, die 44,8% der Haushalte anzuschreiben, die noch keine Biotonne aufgestellt haben. [2] Am Anfang stand also die Frage: Wohin mit Eierschalen, Kaffeefilter, Bananenschale, Zwiebelschalen und co.? Bisher war die Antwort tatsächlich: Alles in einen Sack und ab in den Restmüll.

Dann war ich beim KlimaCamp im Rheinischen Braunkohlerevier. Eine Kneipkur für das Weltbild und die eigenen Überzeugungen. Wie nach jeder guten Kur kam ich strotzend vor neuen Ideen zurück. Mein besonderer Dank an dieser Stelle geht an A. von kanTe (kollektiv für angepasste technik, Berlin) und Niels Jobstvogt ( ) für die informativ-aktiven Workshops im Landwirtschafts-Barrio.

Der Plan: Ich baue ein Bokashi-System…

Der Totenkopf-Joghurtbecher

Auf dem Workshop zu „Guerilla Composting“ fiel mehrfach der Name Ayumi Matsuzaka. Auch ihr gebührt Dank, denn sie hat wunderschön illustrierte und unter CC-Lizenz erschienene Bauanleitungen für Bokashi-Systeme und Würmerkisten erstellt (.pdf , 1,3MB).

Mikroorganismen-Starterkultur - CC-BY-SA 3.0

Mikroorganismen-Starterkultur – CC-BY-SA 3.0

  • Biomüll war vorhanden und fällt in einem 2-Personen-Haushalt kontunierlich an.
  • 300g Asche und Holzkohlereste – nehmt Euch einen Joghurtbecher und eine Handschaufel und geht abends auf die Grillwiesen des Parks Eures Vertrauens. Lasst alles ggf. über Nacht auf einem Backpapier trocknen.
  • 200ml Urin – … war vorhanden 😉
  • 4EL Zucker
  • je 1 Päckchen Trockenhefe und Sauerteig-Ansatz

Die monetären Kosten bis hier sind nichtmal 2€.
Mischt alle Zutaten in einem 1l großen, verschließbaren Gefäß. Ein Joghurtbecher tut es völlig. Wichtig ist es, vor Verschließen des Bechers, alle Zutaten fest anzudrücken. Es soll eine anaerobe Gärung stattfinden. Legt eine Kunststofftüte ins Gefäß und blast sie wie einen Luftballon auf. Dann erst kann das Gefäß verschlossen werden.
Lasst das Gefäß eine Weile stehen. Ich habe vier Stunden gewartet.

Licht? Wärme? Egal, Hauptsache Zimmertemperatur. Stellt das Gefäß irgendwo hin. Und kennzeichnet es unmissverständlich als Asche-Urin-Zucker-Hefe-Mischung aka „der Totenkopf-Joghurtbecher“ 😉

Bo-β-kashi

Für das eigentliche Gefäß braucht ihr zwei 10l-Eimer. Ich bin in das erstbeste Burger-Lokal um die Ecke gegangen – und bin nach zwei Minuten und einem Dankeschön an das Küchenpersonal mit zwei Ex-Mayonnaise-Eimern wieder gegangen. Mission beendet!
Ein Eimer, der „äußere“ Eimer, bleibt unangetastet. Er dient nur dazu, die abtropfende Flüssigkeit zu sammeln.
Der zweite Eimer, der „innere“, wird nur am Boden mit Löchern versehen. Ich habe mit einem 5mm-Bohrer in 3 Lochscheiben Löcher gebohrt, der chaotisch-unstrukturierte Ansatz mit einem dicken Nagel und einem Hammer geht sicherlich auch.

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„innerer“ Eimer mit Lochscheiben – CC-BY-SA 3.0

Steckt den inneren Eimer fest in den äußeren Eimer. Es soll keine Luft zwischen den beiden Eimern eindringen können. Mischt nun den Inhalt des Totenkopf-Joghurtbechers mit Eurem Bioabfall. Die erste „Schicht“ oder Beladung mit Biomüll sollte ca. Querfinger hoch den Boden des inneren Eimers bedecken.
Als Abdeckung habe ich für den großen Eimer einen leeren Müllsack aus biologisch abbaubarem Material genommen. In den sauberen Sack habe ich eine runde Korkscheibe gelegt. Nehmt was ihr findet – Hauptsache, ihr könnt damit neue Schichten verdichten und mögliche Lufteinschlüsse auspressen.
Müll plus Mische drin? Check! Ich habe mich entschieden, noch einen Becher abgelaufenen Quarks und 4 EL Zucker drauf zu streuen, aber mehr aus Bauchgefühl als aus Kalkül. Müllsack drauf, an den Rändern gut abdichten, mit Korkplatte verdichten, Deckel drauf, gut schließen (!) – fertig ist die erste Beladung.
Notiert das Datum der ersten Beladung auf dem Deckel. Zusammen mit dem Datum der letzten Beladung ist das eine wichtige Info zur Planung hin zu einem kontinuierlichen Einsatz. Wie lange braucht ihr, um einen Eimer zu füllen? Das kleinste gemeinsame Vielfache dieses Zeitraums und der 4 Wochen Ruhephase verrät Euch, wie viele Eimer-Systeme ihr rotieren lassen müsst.

Da mein Bokashi noch in der Testphase ist hat er den Arbeitstitel Bo-β-kashi bekommen 😉

Die Idee reift weiter…

Bo-β-kashi - CC-BY-SA 3.0

Bo-β-kashi – CC-BY-SA 3.0

Wie geht es weiter?
Anfallender Biomüll wird nun (endlich, juhu, juhu!) separat und in möglichst kleiner Größe gesammelt. Sobald ausreichend viel für eine 3-4cm dicke Schicht angefallen ist wird Bo-β-kashi geöffnet und die neue Schicht einfach aufgetragen.

Der Feuchtegehalt soll zwischen 30 und 45 Masseprozent liegen [3]. Klar, der Biomüll, inbesondere Kaffeefilter, bringt Restfeuchte mit. Aber habt einfach ein Auge darauf, ob ihr ggf. Wasser aufsprühen oder aufgießen müsst.

Was wenn es schief läuft?
Niels hat das Buch „Kompost aus der Kiste“ [4] empfohlen. Darin sind viele Fragen und Antworten rund um Bokashi-Systeme und Wurmkisten aufgeführt.
Wichtig ist nur: Wenn es unangenehm riecht, läuft etwas schief. Die anaerobe Gährung, wie beim Hefe- oder Sauerteig, erzeugt keine unangenehm riechenden Gase.

Wohin mit dem Ergebnis?
Nach der letzten Füllung wird Bo-β-kashi vier Wochen stehen gelassen. Erneut gilt: Licht und Wärme sind zu vernachlässigende Faktoren, Hauptsache Zimmertemperatur.
Das Ferment ist quasi „vorverdaut“ und kann umso schneller in Wurmkisten zu Humus verarbeitet werden. Problem ist nur: ich habe (noch) keine Wurkiste 🙂
Also frage ich Freundinnen, Freunde und Bekannte. Schlimmstenfalls buddele ich nachts ein Loch im Stadtpark und kippe mein Ferment rein. Kann man vergrabenen Humus auf mundraub.org angeben?…

[1] Deutschlandfunk, 9. Januar 2015: „Biomülltonne wird Pflicht“, abgerufen am 7. September 2016
[2] Hamburger Abendblatt (hinter Paywall), 1. November 2015, „Hamburg will Papier- und Biotonnen zwangsweise aufstellen“, abgerufen am 7. September 2016
[3] The unconventional farmer „Bokashi“, abgerufen am 7. September 2016
[4] „Kompost aus der Kiste. Wurmkisten für den Hausgebrauch selbst bauen.“ Lydia Brucksch, Jasper Rimpau. Ulmer, 2013. ISBN 978-3-8001-7976-3. € 12,90